Prof. Dr. med. Karl Köhle: Archiv

Prof. Dr. med. Friedrich Reinhard Lohmann: Nachruf

*1918 †2010

Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie,
Universitätsklinikum Köln 1972-1984


Prof. Friedrich Lohmann

Reinhard Lohmann wurde am 12.1.1918 in Kassel geboren. Nach Reifeprüfung und Arbeitsdienst studierte er ab 1936 an den Medizinischen Fakultäten der Universitäten Freiburg, Göttingen, Marburg und München, wo er 1942 das Staatsexamen ablegte und 1943 promovierte. 1944 erhielt er die Approbation als Arzt. Schon sein Studium war durch Kriegsdienst als Sanitätsdienstgrad unterbrochen worden, ab 1942 wurde er als Truppenarzt eingesetzt.

Nach kurzer Gefangenschaft begann Reinhard Lohmann noch 1945 seine Facharztweiterbildung bei Prof. E. Kretschmer und Prof. W. Villinger an der Universitäts-Nervenklinik Marburg, die er 1949 mit der Anerkennung als Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten abschloss. Parallel zu Neurologie und Psychiatrie hatte er sich in Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychiatrie weitergebildet.

Von 1950 bis 1958 war Reinhard Lohmann als wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent an der Abteilung Physiologie des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Göttingen bei Prof. A.E. Korn-müller tätig. Seine Forschungsprojekte galten dort vor allem Fragestellungen aus der experimentellen und der klinischen Neurophysiologie. Nach einem 6-monatigen Forschungsaufenthalt bei den Professoren Liddell und Glees, University Laboratory of Physiology in Oxford, wechselte Herr Lohmann an die Abteilung für Allgemeine Neurologie des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Köln-Merheim zu Prof. Zülch. Neben seiner Forschungstätigkeit leitete er dort die neurologische Ambulanz, in deren Rahmen er auch eine „Psychotherapeutische Sprechstunde“ für Patienten des Städtischen Krankenhauses durchführte. Gleichzeitig intensivierte er seine psychotherapeutische Weiterbildung. Mit Hilfe eines Europaratsstipendiums war er 1961 mehrere Monate Gast am Zentrum für Psychosomatische Medizin der Reichsuniversität Leiden, begann dort bei Prof. Stokvis seine persönliche Lehranalyse, kurz danach bei Prof. A. Friedemann in Biel eine Gruppenlehranalyse. Als persönlicher Schüler von Prof. I.H. Schultz beschäftigte er sich intensiv mit Hypnose und Autogenem Training. Der Erfolg der Merheimer „Sprechstunde“ veranlasste Prof. H. Schulten, ihm 1960 eine Stelle als Leiter einer neu einzurichtenden „Psychosomatischen Abteilung“ an der Medizinischen Klinik anzubieten. Reinhard Lohmann leitete diese „Abteilung Psychosomatik“ in Merheim von 1961 bis 1970.

Die Medizinische Fakultät der Universität zu Köln erteilte 1969 Reinhard Lohmann die venia legendi für Psychiatrie und Neurologie, 1970 ernannte ihn das Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes NRW zum planmäßigen Dozenten (H 2), 1972 zum Wissenschaftlichen Rat und Professor und bot ihm die Leitung der fakultätseigenen Abteilung für „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ an. Parallel hierzu erhielt Herr Lohmann das Angebot, an der von Prof. E. Buchborn geleiteten Medizinischen Klinik II der Universität München eine entsprechende Abteilung aufzubauen. Reinhard Lohmann entschied sich für Köln. Er leitete die Abteilung als C3-Professor auf Lebenszeit bis zu seine Emeritierung 1983, danach noch bis 1984 kommissarisch.

Aus seiner umfassenden klinischen Erfahrung und seiner langjährigen Beteiligung an der Grundlagenforschung entwickelte Reinhard Lohmann klare, noch heute gültige Zielvorstellungen für die Institutionalisierung des neuen Faches. Er folgte dem systemtheoretisch konzipierten biopsychosozialen Krankheitsverständnis und strebte eine „integrierte“ Krankenversorgung an. In der Kooperation mit anderen klinischen Fächern galt sein Interesse weniger Fragen der Pathogenese, er suchte vielmehr vorrangig dem krankheitsbedingten Leidensdruck der von ihm mitbehandelten Kranken gerecht zu werden. In meist drittmittelgeförderten Projekten untersuchte er vor allem Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit und Probleme der psychosozialen Krankheitsverarbeitung von Patienten mit Hämophilie, mit chronischer Niereninsuffizienz, mit Malignomen im Bereich der Chirurgie und, bis heute wegweisend, mit Diabetes mellitus. Auch seine wichtigsten, z. T. heute noch zitierten wissenschaftlichen Publikationen galten diesen Fragestellungen.

Reinhard Lohmann war sich dabei stets bewusst, wie sehr das neuen Faches für seine Weiterentwicklung auf eine Verbindung zur Grundlagenforschung angewiesen ist. Er selbst trug mit der Einrichtung eines Labors für die psychophysiologische Untersuchung der Kreislaufregulation zur Klärung der Symptombildung bei Patienten mit funktionellen körperbezogenen Beschwerden bei.

In seinen Lehrveranstaltungen verstand es Reinhard Lohmann, sowohl die Grundlagen und Anwendungsbereiche der wichtigsten psychotherapeutischen Verfahren als auch psychophysiologische Zusammenhänge in einer Form darzustellen, die den Studierenden die Relevanz dieses Arbeitsbereiches für die gesamte klinische Medizin vermittelte. Im Rahmen der großen Psychotherapie-Fortbildungskongresse in Aachen, Lindau und Lübeck war Reinhard über viele Jahre hochgeschätztes Mitglied des Lehrkörpers.

Reinhard Lohmann begründete 1974 zusammen mit Thure von Uexküll und einigen weiteren integrativ ausgerichteten weiteren Fachkollegen das „Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin“ als die wissenschaftliche Gesellschaft des neuen Fachs in der BRD. 1978 richtete die Jahrestagung des DKPM in Köln aus. Über viele Jahre war Herr Lohmann zudem als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für ärztliche Hypnose und autogenes Training tätig.

Wer Gelegenheit hatte, Reinhard Lohmann persönlich zu begegnen, wird sich gerne an seine wohltuende Fähigkeit zu Empathie, seinen feinsinnigen und warmherzigen Humor, seine Bereitschaft zu freundschaftlicher Kooperation, insgesamt an seine gewinnend -liebenswürdige Persönlichkeit erinnern.

Als Chef förderte er seine Mitarbeiter im klinischen und wissenschaftlichen Bereich. Sein erfolgreiches Einwerben von Drittmitteln entsprang seinem Forschungsinteresse und Kooperationsbemühen entsprachen aber auch seiner steten Fürsorge für die in diesen Projekten tätigen Mitarbeiter. Bis zuletzt kam er regelmäßig zu Treffen mit seinen früheren Mitarbeiter nach Köln.

Reinhard Lohmann hinterlässt seine Frau, eine Tochter, zwei Söhne und sechs Enkel. Universitätskollegen, frühere Mitarbeiter und Freunde trauern zusammen mit der Familie des Verstorbenen und werden das Andenken an Reinhard Lohmann in hohen Ehren halten.

Köln, im Oktober 2010

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