Prof. em. Dr. med. Karl Köhle: Archiv

Thure von Uexküll zum 95. Geburtstag

Gratulation
Dr. med. Werner Geigges, Glottertal

Reha-Klinik Glotterbad

Im Namen der AIM gratulieren wir Ihm zu seinem 95. Geburtstag ganz herzlich und danken Ihm für sein lebenslanges, unermüdliches Engagement für eine Integrierte Medizin. Lassen Sie mich aus meiner subjektiven Sicht einige Worte des Dankes und der Würdigung sagen:

Thure von Uexküll ist in erster Linie Visionär: Allen Widerständen, vor allem aus den Reihen der Hochschulmedizin und allen Schwierigkeiten einer umfassenden theoretischen Fundierung einer Integrierten Medizin, setzte er stets die Utopie einer Nicht-dualistischen Humanmedizin entgegen: "Wir verknüpfen mit dem Begriff Utopie gewöhnlich die Vorstellung von etwas Wirklichkeitsfremden. Um die Undurchführbarkeit eines Plans oder eines Vorschlags zu unterstreichen, sagen wir, sie seien utopisch. Damit verdecken wir aber den Inhalt des Begriffs; denn Utopie und Wirklichkeit definieren und - was noch wichtiger ist - korrigieren sich gegenseitig. Da diese Wechselwirkung die Welt verändert, haben sie eine gemeinsame Geschichte, in deren Verlauf Utopien wirklichkeitsnäher und Wirklichkeiten utopischnäher werden können." (Thure von Uexküll 2003) Sein Denken zeichnet sich durch eine umfassende philosophische Fundierung aus, die uns Mitdenkenden immer wieder von neuem herausfordert. Gleichzeitig findet sich ein großes kreatives Potential im Verknüpfen unterschiedlichster Denk- und Forschungsstrategien. Seine originelle Rezeption des Konstruktivismus, der Systemtheorie und der Semiotik wird uns noch für Jahre Stoff zu Diskussionen und Auseinandersetzungen liefern.

Die Abstraktheit seiner Modelle und Begriffe wird begreifbar durch Thures große Fähigkeit des Be-Bilderns dieser Ideen: Sprachbilder, wie die vom "Beziehungsmantel und den Beziehungsfäden" als Teil unserer subjektiven Wirklichkeit und das Bild des Dualismus einer "Medizin für seelenlose Körper und einer Psychologie für körperlose Seelen", sowie die Metapher von der Baumsäge als Ausdruck einer Arzt- Patienten-Interaktion - bilden so etwas wie Grundsteine unserer gemeinsamen Wirklichkeit in der AIM. Für Thure müssen sich die theoretischen Modelle einer Humanmedizin als verlässliche Landkarten stets in der konkreten medizinischen Praxis bewähren und verändern sich als lernendes Modell durch neue Fragen, die sich aus der Praxis ergeben (Reflektierte Kasuistik - weitergedacht!). Thure ist und war sich des Risikos seines Denkens stets bewusst, die Gründung der ersten Freiburger Regionalgruppe der AIM trug den provokanten Titel "Revolutionäre Zelle": "Mit dem Entschluss, die psychosomatische Betrachtungsweise in die Medizin einzuführen, handelt sich jeder Arzt und bereits jeder Student Schwierigkeiten ein, die es nötig machen, dass er sich frühzeitig klar wird, wofür er sie auf sich nimmt. Hier ist die Einsicht entscheidend, dass es nicht nur um eine mehr oder weiniger abstrakte Verantwortung für "die Medizin", sondern auch um die sehr konkrete Verantwortung für sich selbst geht, für die Entwicklung der eigenen individuellen Wirklichkeit und der Fähigkeit, gemeinsame Wirklichkeiten aufzubauen, in denen der Arzt mit Kranken kommunizieren kann". (von Uexküll 2003).

Zwei Aspekte, die Thures kreativen Gestaltungsprozess stets anregten, sind seine Kunst der Begegnung und seine Fähigkeit des Genießens; Resignation und Verbitterung sind ihm gänzlich fremd. Durch seine Kunst der Begegnung, meist eingebettet in eine große Gastfreundschaft und Herzlichkeit, wird das gemeinsame Denken und Sprechen stets ein Prozess der Co-Kreation neuer Ideen. In diesem Klima sind viele Projekte, Pläne und Konzepte der AIM in den letzen Jahren entstanden.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Thure auch als 95-jähriger in diesem Jahr bei unserer Modellwerkstatt in Bad Mergentheim und unserer Jahrestagung in Glottertal dabei sein könnte und wünschen Ihm vor allem Gesundheit und Freude an der täglichen Arbeit in seiner Freiburger Denkwerkstatt.

Werner Geigges, Glottertal

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