Prof. em. Dr. med. Karl Köhle: Archiv

Thure von Uexküll zum 95. Geburtstag

Gratulation
Prof. Dr. med. Horst Kächele, Ulm

Department für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universität Ulm

Der Ulmer Gründungsprofessor Thure von Uexküll feiert am 15. März in Freiburg seinen fünfundneunzigsten Geburtstag im Kreise seiner Mitstreiter. Zeitlich passend erschien kürzlich die sechste Auflage des von ihm initiierten Lehrbuches "Psychosomatischen Medizin. Dieses umfangreiche Nachschlagewerk präsentiert repräsentativ die Auffassung einer bio-psycho-sozialen Medizin, die in alle Bereiche der Medizin hineinreicht, und die frühere Idee weniger, spezifischer psychosomatischer Krankheiten überwunden hat. Uexküll hat vehement vertreten, das eine neue Medizin ein neues Denken verlangt, welches beim Begriff des Lebendigen ansetzt.

Das Konzept der Bedeutung steht in der Uexküll'schen Psychosomatik im Mittelpunkt: "Lebewesen interpretieren ihre Umgebung nach ihrem inneren Zustand als Bühne für ihr Verhalten" . Wenn man erinnert, dass der Vater, der Biologe Jacob von Uexkülls, unabhängig von der Peirce´schen Semiotik eine Zeichenlehre für lebendige Systeme entwickelte, so kann das nicht überraschen.; Th. von Uexkülls erstes Buch: "Der Mensch und die Natur." erschienen in Bern 1953, befasst sich mit diesem Zusammenhang. Es thematisiert die eigentlichen Probleme der medizinischen Wissenschaft in einer Frage: "Was ist Leben ? Was ist dieses geheimnisvolle X, das mit dem Tode den Körper verlässt, das sich in Gesundheit und Krankheit, in Geburt, Kindheit, Jugend und Alter vollzieht? ".

Mit dieser Frage hat sich Thure von Uexküll unermüdlich beschäftigt. Seine Antwort - vereinfacht - mündet in die Forderung nach einer "Biologie der Subjekte, die bereits bei den Zellen ansetzt, aus denen Gewebe und Organe des Organismus aufgebaut sind. In der "Theorie der Humanmedizin (Uexküll & Wesiack, 1988; 3. Auflage 1998) wird diese "Biologie der Subjekte" nach dem Modell des Funktionskreises ausgeführt. Mit der Einführung der Bedeutung führt die von Viktor von Weizsäcker erhobene Forderung nach Einführung des Subjektes in die Medizin ( und Biologie) zum einem Paradigmawechsel.

Psychosomatische Leiden müssen als Erkrankungen der individuellen Wirklichkeit beschrieben werden; Körper und diese unsichtbare, aber sehr reale individuelle Wirklichkeit bilden gemeinsam zwei Organe eines größeren Organismus, der sich mit der Umwelt auseinandersetzen muss. Jede Krankheit verändert die individuelle Wirklichkeit des Kranken; und diese Veränderungen können für die Pathogenese bedeutsam oder nur reaktiv bedingt sein. Sie haben in jedem Fall wieder somatische Auswirkungen.

Die von Uexküll'sche Psychosomatik macht Ernst mit dem Ausspruch von L. von Krehl: "Krankheiten als solche gibt es nicht, wir kennen nur kranke Menschen." Die 6. Auflage des deutschsprachigen Handbuches der Psychosomatischen Medizin, von Uexküll und vielen Fachleuten verfasst, ist nun erschienen. Und wieder plädiert von Uexküll eindringlich: Die Sache der Medizin ist immer eine gemeinsame Angelegenheit eines Kranken und eines Arztes. Krankheit ist immer mehr als ein Betriebsschaden im menschlichen Körper. Ob dieses Ruf in der zunehmend technisierten Medizin das Gehör findet, das er verdient, bleibt dahingestellt.

Die vielen psychosomatisch orientierten Ärzte, Krankenschwestern und Psychologen, die mit dem UEXKÜLL Band nicht nur ihre Bibliothek mit einem großen, schwergewichtigen Band füllen, sondern sich bewegen lassen mit dem Anspruch, eine patienten-orientierte Medizin zu praktizieren, vernehmen in Dankbarkeit von der unbändigen geistigen Frische des Ulmer Gründungsprofessors.

Für die Ulmer Medizinstudenten und jungen Ärztinnen und Ärzte, die die Ulmer Gründungsjahre nur noch vom Hörensagen kennen, ein gute Anlass, sich den Film anzusehen, den die Filmemacherin aus der Ulmer Filmschule, Maxi Mainka, damals auf dem legendären IV-Nord gedreht hat. Dort können sie erleben, wie das Jubilar und seine Team dem Umgang mit kranken Menschen zu pflegen wusste. "Wer will krank sein auf der Welt", ein Film über eine psychosomatische Krankenstation, wird im Hörsaal in der Medizinischen Klinik zu Beginn des Sommersemesters gezeigt werden.

Horst Kächele, Ulm